Manchmal habe ich Angst im Leben. Mit unsicheren, kleinen Schritten taste ich voran. Mich immer wieder umblickend, nach Absicherungen suchen, die natürlich nicht da sind. Die es auch nie geben wird. Das Leben ist ein Tanz auf einem Drahtseil. Zig Meter hoch stehen wir im Wind. Nur mit unseren Händen rudernd, versuchen wir das Gleichgewicht zu halten. Leise, manchmal laut, schnell dann wieder langsam, traurig aber auch fröhlich ertönt eine Musik und dazu müssen wir tanzen. Dabei kommt es nicht darauf an das Ziel zu erreichen. Denn ein glückliches Ende, das gibt es nicht. Irgendwann erwischt es jeden. Wir verlieren das Gleichgewicht und stürzen ab. Einfach so, banal, tödlich. Absurd, werden sie jetzt denken. Aber so sehe ich das Leben! Wie ist es gewesen, als ich ein Kind war? Schon hier war ich mir der Endlichkeit allen Lebens bewußt. Vielleicht nicht in allen Ausmaßen, aber ich wusste was der Tod bedeutet. Trotzdem habe ich jeden Schritt frei gewählt. Keine Zwänge haben mich aufgehalten. Ich habe meine Leben ohne Angst vor Konsequenzen gelebt. Die einzige Reglementierung der ich gewahr wurde, waren meine Eltern. Dies oder das durfte ich nicht, weil es verboten war. So simpel, ohne Begründung. Im erwachsenen Alter wollte ich alles anders machen. Doch daraus ist nichts geworden. Ich hatte große Pläne Die Angst hat die Überhand gewonnen. Konsequenzen haben ihre Stahlketten um mich gelegt. Aus großen Sprüngen, wurden kleine Hüpfer. Bis ich mich gar nicht mehr bewegen wollte/konnte. Nun sitze ich hier. Mein Leben ist nicht schlecht, das ist aber auch alles was ich sagen kann. Das Leben kann so schnell vorbei sein. Alles was zählt ist rein subjektiv. Es gibt keine allgemeingültigen Ziele die man erreichen, oder Regeln nach denen man leben sollte. All dies muss jeder für sich selbst herausfinden. Steckt Euch großartige, verrückte, sentimentale, Ziele. Ziele die kein Geld bringen oder wenig, die euch glücklich machen und auch andere. Habt keine Angst vor dem Scheitern. Scheiter grandios. Der einzige Fehler, den ihr machen könnt, ist zu warten. Glaubt mir. Es kann schneller vorbei sein, als man denkt.
Schnee und Schmerz beginnen mit der gleichen Silbe
27. Januar 2010Die Inuit kennen Hunderte Begriffe für Schnee. Mir fällt im Moment nur einer ein: Schmerz! Bei meinem ersten Work-out des Jahres halte ich eine Schaufel in der Hand. Über die letzten Tage sind ca. 15 Zentimeter Schnee gefallen. Diese wollen nun beseitigen werden. Von Zeit zu Zeit hüte ich das Haus meiner Eltern. Hier zählt die Schneeräumung zu meinen Aufgaben. Ich trete auf die Veranda. Die Luft ist schneidend kalt, der Wind fängt sich in meinem Mantel und bläht ihn auf. Das fängt schon mal gut an. Schnell habe ich alle nötigen Utensilien zusammengesucht. Zu beginn lasse ich den Gaul richtig laufen. Schaufel um Schaufel türme ich einen hohen Berg Schnee auf. Nach etwa zehn Minuten mache ich die erste Pause. Meine geröteten Wangen geben mir eine gesunde Gesichtsfarbe. Doch das täuscht. Ich fühle mich elend. Mit keuchendem Atem stütze ich mich auf den Stil der Schaufel. Ein rasender Puls hämmert in meinen Ohren. Erneut beginne ich den Schnee zu schippen. Doch jedesmal wenn ich versuche die schneebeladene Schaufel anzuheben, schmerzt mein Rücken. Schultern und Arme fühlen sich müde an. Immer öfter bin ich gezwungen kürzere Pausen einzulegen. Ein leichter Schneefall setzt ein, der alle Geräusche dämpft. Leise zwitschern Vögel. Mein Atem rasselt wie eine kaputte Kettensäge. Wie romantisch! Die monotonen Bewegungen bringen meine Gedanken in Trab. Zuhause habe ich genug ‘Dinge’, mit den ich mich von mir selbst ablenken kann. Hier bin ich meinen Gedanken ausgeliefert. Meine körperliche Fitness ist erschreckend. Und nur ein Zeichen dafür, wie sehr ich mich von mir selbst entfernt habe. Ich widme mein Leben dem trägen Konsum. Der Grad meines selbstbewußten, eigenständigen Handelns ist über die Jahre immer weiter zurückgegangen. Stattdessen lasse ich mich berieseln. Anstelle selbst Dinge anzupacken, bewundere ich die Errungenschaften der Anderen. Dies mache ich aber mit glühendem Eifer. Nahezu frenetisch feuere ich sie an, die diversen Ballspieler, Kämpfer, Gitarristen, Schriftsteller etc. Selber habe ich nie etwas probiert oder bei den ersten Schwierigkeiten gleich wieder aufgegeben. Hätte, könnte, würde… – der Konjunktiv hat sich tief in meine Seele gefressen. War es jemals anders? Ich kann mich nicht mehr erinnern?! Der Schmerz bringt mich zurück in die Realität. Eine gute Stunde Arbeit und ich bin fertig, aber auch komplett im Arsch. Das sind ja gute Aussichten für das kommende Jahr. Zumindest hat der alte Gaul der Erkenntnis endlich mal zugetreten.
481-145-1
5. Januar 2010Wie bereits in einem anderen Text erwähnt, haben wir Berliner uns mittlerweile daran gewöhnt, das die S-Bahn eher unregelmäßig verkehrt. Nun ist mir aber das endgültige Zeichen der Apokalypse begegnet. Freunde, der Untergang ist nah! Nichts ahnend habe ich neulich einen Waggon betreten, um gleich festzustellen, das die Heizung mal wieder nicht funktionierte. Es scheint bei der Deutschen Bahn, dem modernen Zeitalter sei dank, nur noch digital zuzugehen. 1 oder 0, an oder aus, erfrieren oder verbrennen. Die Heizung funktioniert gar nicht, oder brennt gleich den ganzen Zug nieder. Was in gewisser Hinsicht auch seinen Charme hat.
Anyway. In meinem Wintermantel gehüllt, habe ich mich auf einer Bank niedergelassen. Plötzlich schwebten, einer Fata Morgana gleich, kleine Eiskristalle durch den Zug. Für einen Moment wähnte ich mich noch in meinen Träumen. Doch dies war Realität. Die feinen Kristalle ballten sich schnell zu richtigen Flocken zusammen. Jetzt erst realisierte ich, was da eigentlich gerade passierte: Es schneite mitten im Zug! Kein Witz, kein Scherz, die Belüftung spie Kräftig weiße Flocken aus. Dazu fällt mir nichts mehr ein. Es dauerte nicht lange, da war der Boden mit einer dünnen aber kompakten Eisschicht bedeckt. Es ist schön, das man als zahlender Kunde von der S-Bahn Berlin GmbH, für seinen monatlichen Obolus immer was neues geboten bekommt. Diesmal stand wohl eine Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn auf dem Programm!
Optimal Geschmacksneutral
25. Dezember 2009Erstens sieht er aus wie alle und zweitens kostet das sehr viel.
-Fettes Brot, Optimal Geschmacksneutral-
Es gibt sie wirklich. Diese Menschen, die blindlings, ohne Hirn jedem Trend hinterherlaufen. Neulich stand ich auf meinem heimischen Bahnhof, dicker Wintermantel, warme Winterstiefel. Bei Minus 10°C schon angebracht. Da läuft eine junge Frau an mir vorbei. Gewandet in einem Nichts-von-Kleid und an den Füßen hochhackige Jesuslatschen(!). An sich schon eine interessante Mischung. Die kleinen Zehen hatten bereits einen leicht bläulichen Schimmer. In der EU gibt es ja die Idee, auf Zigarettenpackungen Ekelbilder von abgefaulten Füßen als Warnhinweis zu kleben. Vielleicht sind wir bei Schuhen bald auch soweit? Hier könnte man bestimmt gut Fotos von Reinhold Messner verwenden, die während seiner zahlreichen Expeditionen, vor allem am Nanga Parbat gemacht wurden…
Männer in Supermärkten
22. Dezember 2009Wenn bedauernswerte ältere Herren, mit einem schlurfenden Schritt, traurigen Augen und einer Körperhaltung der puren Unterwürfigkeit, ihren Ehefrauen folgend durch den Supermarkt trotten, weiß ich: es ist wieder Weihnachten.
In der älteren Generation ist das einkaufen noch eine Domäne der Frauen. Männer betreten die heiligen Einkaufshallen nur, wenn sie pensioniert sind oder Urlaub haben. Letzteres kommt meist vor Weihnachten oder Silvester vor. Auf der für Männer üblichen nonchalanten Art, wollen sie den Frauen mal zeigen was ne Harke ist. Alles müsse generalstabsmäßig geplant sein und perfekt umgesetzt werden. Pappa ante portas halt. Den ersten Dämpfer bekommt das männliche Selbstbewußtsein aber, wenn sie es noch nicht mal schaffen, mit einem Euro einen Einkaufswagen zu befreien. Hier schreitet zum ersten mal, die Frau des Hauses ein. “Na Klaus, geh’ schon mal vor. Ich mach das schon!” Die zweite Demütigung folgt gleich auf den Fuß. Sich auf dem fremden Territorium nicht auskennend, wird der Patriarch erst losgeschickt um Butter zu holen, dann Mehl, schließlich Brühwürfel. Kreuz und quer hetzt er durch den Laden. Da kommen die älteren Herren schnell ins Schwitzen. Das diese Besorgungsaufgaben schnell in Seek and Destroy Missionen umschlagen, dürfte spätestens dann klar sein, wenn das Glas Mayonnaise kaputt auf dem Boden liegt. Doch noch gibt sich das männliche Ego nicht geschlagen. Wenn man schon gegen seine Frau keine Chance hat, muss man sich den Spaß halt anders holen. Kräftig wird der Einkaufswagen anderen Leuten in die Hacken geschoben. Das tut gut. Irgendwie muss man sich doch wehren. Doch schnell wird der Täter wieder zur Räson gebracht. Brav, geradezu domestiziert trotten sie hinter ihren Frauen her. Vom Hannibal gleichen Anführer werden sie zu Packelefanten degradiert.
Einigen wenigen geht schon jetzt ein Licht auf. Die Feiertage werden wohl nicht angenehmer werden. Doch gegen den Feiertagsblues gibt es zum Glück das eine oder andere Mittel. Irgendwann fällt halt immer der Satz:”Ich geh schon mal zum Schnaps.”
Lieblingssätze der Literatur
18. Dezember 2009Und so entschloss ich mich, den Arsch noch voller Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten.
-Jonathan Littell, Die Wohlgesinnten-
Lichtjahre
16. Dezember 2009Er lag allein zwischen den Laken des noch warmen Betts. Er hatte sich die Decken bis über die Hüften gezogen, er konnte die Feuchtigkeit spüren, dicht und kalt an seinem Bein; allein in dieser Stadt, allein auf diesem Meer. Die Tage lagen verstreut um ihn herum; er war ein Trunkener der Tage. Er hatte nichts erreicht. Er besaß sein Leben – es war nicht viel wert-, es war nicht wie ein Leben, das, auch wenn es vorbei war, wirklich etwas dargestellt hatte. Wenn ich nur Mut hätte, dachte er, wenn ich Glauben besäße. Wir retten uns über die Zeit, als wäre das von irgendeiner Bedeutung., und immer auf Kosten anderer. Wir horten uns. Wir haben Erfolg, wenn die anderen scheitern, wir sind klug, wenn sie dumm sind, und wir ziehen weiter, klammern uns fest, bis keiner mehr da ist – bis wir ohne einen einzigen Begleiter sind außer Gott. An den wir nicht glauben. Der, wie wir wissen, nicht existiert.
-James Salter, Lichtjahre-
Ich sitze in meinem Arbeitszimmer, vor mir eine Tasse Tee. Dampf steigt auf, wenn ich auf die noch heiße Flüssigkeit puste. Draußen weht ein kalter Wind, der Schneegriesel vor sich hertreibt. Die letzten Seiten des Buches sind gelesen. Meine Gedanken verweilen noch in dieser Welt, wollen sie noch nicht verlassen. Das schöne an der Literatur ist, das sie Worte für eigene Empfindungen bereit hält, die man selber nie so formulieren könnte. Ich bin meinen Worten heute begegnet. Mein aufrichtiger Dank gilt James Salter.
Silvio Berlusconi
14. Dezember 2009Es ist nicht der Zeitpunkt Spott und Häme über Silvio Berlusconi auszuschütten. Ich möchte auch nicht beurteilen, ob der Angriff auf einen alten Mann, bei dem dieser auch noch schwer zu schaden gekommen ist, gerechtfertigt sein mag oder nicht. Offen zugegeben – ich habe mich weder gefreut noch konnte ich darüber lachen. Ich fühlte mich nur an folgenden schönen Spruch erinnert:
“Ich wünsche allen Menschen zweimal mehr als sie mir wünschen!”
Tja Silvio, vielleicht solltest du in Zukunft aufpassen, was Du den Leuten so wünscht. Es könnte in Erfüllung gehen…
60 Minuten Weihnachten
13. Dezember 2009Es ist Sonntag, der III. Advent. Wir schlendern über den Weihnachtsmarkt. Überall riecht es nach Glühwein, Gebäck und gebrannten Mandeln. Ein Mann bietet lautstark seine heißen Maronen feil. Die vielen Stände sind in bunten Farben geschmückt. Alle Menschen erfreuen sich daran, sind fröhlich, freundlich, einfach ausgelassen. Moment, irgendwas stimmt hier nicht! Warum tritt mir der Herr, der hinter mir läuft, eigentlich nun zum vierten Mal in die Hacken!? Währenddessen rammt mir eine ältere Dame, in Bester Muay-Thai-Manier, den Ellenbogen in die Rippen. Ihre Augen sind nur noch schmale Schlitze, aus denen mir blanker Hass entgegenspringt. Ich drehe mich rum und will eigentlich nur noch raus; raus aus dem Wahnsinn und diesem dämlichen Kaufrausch. Mein Weg durch die Menge schlägt so manches Schimpfwort entgegen. Kurz vor meinem Ziel bekomme ich noch einen ordentlichen Tritt vors Schienbein verpasst. Ah, der hat wirklich gesessen. Am Ende bin ich froh, das dies alles vorbei ist. Zum ersten mal in meinem Leben, habe ich für Prügel bezahlt. Frohes Fest!
Auf der Balz
11. Dezember 2009Wir befinden uns in einem Café. Es ist früher Nachmittag. Ein Mann sitzt einer Frau gegenüber. Sie unterhalten sich angeregt. Es können Arbeitskollegen sein, aber auch eine Studienbekanntschaft. Ich selbst sitze vielleicht zehn Meter entfernt. Auf diese Distanz kann ich nicht hören, worüber sich die beiden unterhalten. Alles was ich erkennen kann, sind seine ausladenden Handbewegungen und ihr ruhiges Gesicht; was nichts anderes ausdrückt als andächtiges zuhören. Es ist immer wieder erstaunlich zu beobachten, das sich das ganze ‘menschliche Theater’ kaum von den Tieren unterscheidet. Alles Balzrituale. Rituelle Gesten. Das Männchen versucht sich als groß, stark und imposant zu präsentieren. Mit allen seinen Bewegungen versucht er das Weibchen in den Bann zu ziehen. Das klingt jetzt vielleicht plump, ist aber im Gegenteil ein feinfühliger Prozeß. Unbewusst achtet er auf jedes kleine Signal von ihr und richtet sich selbst danach aus. Eine unterschwellige nonverbale Kommunikation entsteht. Man könnte es aber auch al Subtext bezeichnen. Die Hauptkonversation geht natürlich währenddessen weiter. Der Tanz der Körper ist davon vollkommen unabhängig. Die Regeln des Balztanzes sind äußerst komplex. Jeder kennt sie. Kaum einer kann sie benennen. Das macht dieses Ritual so spannend.
Verfasst von bastyan