Ein Abend im ‘Zauberwald’ an der Schaubühne…
Ein Sommernachtstraum
-Frei nach William Shakespeare-
Wo ist der Wald, du hast die Stadt hinter dir gelassen, wo es eine U-Bahn gibt und die Menschen gut sortiert nebeneinander bleiben und sich nicht mischen, weil es eine gedachte Grenze gibt, damit das Tier sie nicht von innen schluckt und ausbricht, zu den Augen scheint es heimlich raus und wandert über die Körper von den anderen und versinkt, wo die Haut nicht vom textilen Fell bedeckt ist, eine gespürte Grenzen mit Graben und Stacheldraht, wer die Hand aufs Bein des Nachbarn legt, ist besessen, wahnsinnig, oder er tut es im Schlaf, also hast du die Stadt hinter dir gelassen und suchst den Wald, dein Tier sucht den Wald, weil du die Grenzen wegmischen willst, dein Körper schüttet sich selbst Substanzen ins Blut und wenn das nicht reicht, tust du von außen noch welche dazu, das macht dir einen inneren Wald, wo du vergißt, wie du heißt und wer du bist und was du bist, wie alt, ein Mann, eine Frau, keins von beiden, Mensch, Tier, oder von einem anderen Stern, vielleicht ein Pilz. Im Rausch verschwimmt alles, du schmilzt dich ein, ganz gleich, was du dadurch wirst, du probierst verschiedene Menschen an, Hauptsache, du bist dich los, die unbehaarten Affen paaren sich gerne nackt und im Bett sind alle gleich, Beruf und Geld egal, du ziehst dein Fell aus und ein anderes an, ich nehm deins, du nimmst meins und keiner merkt den Unterschied, warst du grad noch mein Mann und ich deine Frau? Jetzt ist es andersrum, oder hast Du mich verlassen für ein Schaf, oder ist das ein Esel oder ein Frosch, wenn du nicht mehr du bist, will ich auch nicht mehr ich sein, will ich sowieso nicht mehr, und morgens wachst du auf, und neben dir schnarcht das Tier, dem du die Flöhe aus dem Fell gejuckt hast, wer bist du jetzt nach dieser Nacht, der Rausch hat Dich verbrannt, du rauchst noch leise und tastest hilflos nach dir selbst, als wäre was von dir im Wald zurückgeblieben, was da herumirrt und dich sucht und vor dem Tageslicht erschrickt.
-Marius von Mayenburg-
Es ist Samstag Abend und ein warmer Tag im frühherbst liegt hinter der Stadt. So langsam verlieren die Sonnenstrahlen ihre Kraft, die Schatten werden merklich länger. Immer mehr Menschen versammeln sich einzeln oder in kleinen Gruppen vor der Schaubühne. Alle Altersklassen und gesellschaftlichen Schichten sind vertreten. Niemand weiß so recht was ihn erwartet. Eine ruhige Stimmung herrscht unter den wartenden.
Dann beginnt endlich der Einlass. Das Publikum wird über eine auf der Bühne installierten Partydekoration in den Theatersaal geführt. Überall hängen Girlanden, Luftballons und anderes Glitzerzeug. Es sieht doch alles sehr nach einem 80er Jahre Partykeller aus. Die Schauspieler begrüßen das Publikum und schenken eifrig Bowle aus. Es wird von Anfang versucht das Publikum mit in die Inszenierung einzubeziehen. Wir sind alle Gäste einer netten kleinen Party. Über die Bühne ist der Spruch projiziert:„Golden Showers are mainstream“. Hier deutet sich schon an, das die Feier nicht unbedingt normal verlaufen wird.
Nach dem alle mit einem Getränk versorgt sind, geht die Show auch schon los. Die Party ist nun voll im Gange. Auf der Bühne wird getanzt, gelacht, geflirtet und gestrippt. Lars Eidinger entledigt sich gekonnt seiner Klamotten. Damen aus dem Publikum werde ausgewählt, dem ‘Tanzenden’ Geldscheine in den Slip zu schieben. Der Rest des Publikums wird angehalten zu klatschen und sich zu beteiligen. Das Publikum soll weiterhin in die nun kommende Handlung einbezogen werden. Nun reihen sich lose Bilder aus Shakespeare ‘Ein Sommernachtstraum’ aneinander. Bei der Interpretation steht dabei das spielen mit unterschiedlichen Identitäten im Vordergrund. Verschiedene Arten der Sexualität und wechselnde Machtstrukturen werden gezeigt. Nichts ist festgefügt, sondern immer im Fluß. Einem jungen Mann bietet sich ein anderer untertänigst als Hund an. Dieser muss dann merken das der Hund seinen Herren auch schnell beißen kann, wenn seine Zuneigung verschmäht wird. Diese kleinen Bilder kommen zuhauf vor und wirken besonders eindrucksvoll, wenn sich die Schauspieler und Schauspielerinnen rein körperlicher Ausdrucksformen bedienen. Die unterschiedlichen Bewegungsformen bauen eine enorme sexuelle Spannung auf. Dabei kommt es auch immer zu sehr gewalttätigen und sehr spannungsgeladenen Szenen. Diese sind aber weit eindrucksvoller als die manchmal etwas hohl gesprochenen Texte der Schauspieler.
Die Konzeption des Abends, das Publikum teil der Darbietung werden zu lassen, ging nicht ganz auf. Die Hoffnung, die Bühne in den Zuschauerraum auszudehnen zu können, funktionierte nur bedingt. Die unterschiedlichen Wandlungen der der DarestellerInnen blieben auf der Bühne gefangen. Die sorgsam vorbereitete Integration des Publikums verpuffte schnell. Das steife Publikum der gehobenen Altersklasse hatte sich wohl eher auf einen schönen Sprechtheater-Abend mit gedrechselten Shakespeare Sätzen gefreut. Vielen lag es daher eher fern, den Schauspielern und Schauspielerinnen in den zauberhaften Wald ihrer eigenen Sehnsüchte, Wünsche und sexuellen Obsessionen zu folgen. Es ist halt einfacher sich Sätze anzuhören, die sich irgendwo im Nichts verlieren, als sich selbst miteinzubringen. Golden Showers sind eben nicht mainstream wie das Motto des Abends behauptet hatte. Die meisten Besucher blieben halt doch lieber in ihrer eigenen Denkwelt eingekastelt.
15. September 2006 um 9:41
es ist of tschon schwer genug in den spiegel zu schauen. neben fremden sitzen, die auf einen nicht angenehm wirken, lasse ich mich auch nicht gerbe ausziehen.
vielleicht ist das in unserer zeit, selbstbewussstseinstraining. alles ist sowieso immer neu, anders und unerwartet. dann auch im theater: was uns nicht toetet, macht uns abgebruehter.