Auf Berliner Bühnen ist zur Zeit viel russische Melancholie zu bestaunen. Vor allem an der Berliner Volksbühne treibt sie ihr Unwesen. Hier sind Stücke und Bühnenadaptionen von Michail Afanasjewitsch Bulgakow, Fjodor Michailowitsch Dostojewski und Anton Pawlowitsch Tschechow zu sehen. Gestern Abend habe ich an der Volksbühne die Inszenierung des Iwanow unter der Regie von Dimiter Gottscheff besucht.
Iwanow, ein ehemals aufstrebender, erfolgreichenr, junger Mann hat die Melancholie befallen. Müde schlurft er in seinen Pantoffeln über die Bühne. Zu nichts kann er sich aufraffen. Selbst die kleinste Anstrengung ist ihm zuwider, ja sogar unmöglich. Zu diesem selbstzerstörerischen Mann fühlen sich zwei Frauen hingezogen, die er beide droht mit sich in den Untergang zu reißen. Dies ist kurz gesagt, der Inhalt des Stücks.
Am Anfang blickt der Zuschauer auf eine leere Bühne. Nacheinander treten die Schauspieler auf, Iwanow kommt als letzter. Langsam schlurft er, mit einem Hausrock und Pantoffeln bekleidet, an die Rampe der Bühne. Mittels einer Fernbedienung startet er eine Nebelmaschine. Der umherwabernde Nebel wird zur einzigen Kulisse des Stücks. Die Schauspieler werden von den Nebelfluten regelrecht an die Rampe gedrückt, wenn sie nicht verschluckt werden wollen. Wie mit einem Eigenleben ausgestattet kriecht der weiche Dunst über die Bühne. Er verbindet die Personen miteinander, wirkt auf mich aber schnell als Sinnbild für die Einsamkeit der Menschen. So sehr sie auch versuchen sich einander anzunähern, ist dieser Versuch doch immer zum Scheitern verurteilt.
Ein weiterer Gesichtspunkt, der diese Inszenierung auszeichnet, ist der sparsame Einsatz von Requisiten. Das gesprochene Wort steht im Vordergrund. Nur einzelne ausgesuchte Gegenstände werden auf der Bühne gezeigt. Dadurch soll ihre Symbolkraft erhöht werden. Die Übergabe eines Geldbündels soll hierfür ein Beispiel sein. Die Beziehungen der Menschen sind geprägt durch den monetären Wert des einzelnen und welche Nutzen man aus ihm ziehen kann. Jede Beziehung in diesem Stück ist auf den eigenen Vorteil bezogen. Auf die Analyse dieser Beziehungen ist die ganze Inszenierung ausgerichtet.
Die Leistungen der Schauspieler sind sehr gut. Samuel Finzi spielt den Iwanow mit einer herzzerreißenden Melancholie, das es bisweilen nur so zum lachen ist. Bei anderen Inszenierungen ist es manchmal sehr anstrengend ihm, aufgrund seiner sprachlichen Defizite, zu folgen. In dieser Rolle stört es aber nicht weiter das Samuel Finzi erst seit zehn Jahren die deutsche Sprache beherrscht. Die teils gebrochen klingenden Sätze machen unterstreichen eher noch die Melancholie der Hauptfigur.
Nun wo ich mich an die gestrige Inszenierung erinnere und diese Zeilen schreibe, überkommt mich das Verlangen nach einem ordentlichen Schluck Wodka, hinterher einen kleinen Happen essen. Dabei kann man vorzüglich weiter über den gestrigen Abend nachdenken. Ein größeres Lob fällt mir für ein gutes Theaterstück nicht ein…