Die Welt vor meinem Wohnzimmerfenster ist dunkel. Das karge Licht meiner Leselampe lässt die wild umhertanzenden Schneeflocken nur erahnen. Kalt ist es da draußen. Das Bild das Friedrich Dürrenmatt in dem Roman ‘Der Verdacht’ von der Welt zeichnet ist genauso düster.
Das interessante an diesem Buch ist, das es vor gut fünfzig Jahren geschrieben wurde. Einige Teile der Geschichte erinnerten mich stark an den Film ‘Hostel’. Der Leser wird sich jetzt fragen, wie geht das denn? Doch die Intensität mit der Friedrich Dürenmatt die Foltermethoden des KZ Arztes Dr. Emmenberger beschreibt ist vergleichbar stark. Die düsteren Andeutungen entwickeln ihre grausame Kraft erst in der Vorstellungskraft des Lesers. Ähnliche Gefühle hatte ich bei dem Folterfilm von Eli Roth. Nur das bei Dürenmatt die Folter niemals Selbstzweck ist, sondern vielmehr ein Aufhänger für eine philosophische Diskussion über die Zeit nach Ende des Nationalsozialismus ist. Das ganze artet nicht in einen sinnlosen Gewaltporno aus. Hierbei beziehe ich mich auf die Definition des Begriffs Porno von Umberto Eco: „Nun gibt es tatsächlich ein Kriterium, das zu entscheiden erlaubt, ob ein Film pornographisch ist oder nicht, und es beruht auf der Berechnung der Toten Zeit.(…) In Pornographischen Filmen wimmelt es von Leuten, die in Autos steigen und Kilometer um Kilometer fahren, von Paaren, die eine unglaubliche Zeit damit verbringen, sich in Hotels an der Rezeption einzuschreiben, von Herren, die minutenlang in aufwärtsfahrenden Aufzügen stehen, bevor sie endlich ins Zimmer gehen, von Mädchen, die allerlei Liköre schlürfen und mit Hemdchen und Spitzenhöschen herumtänzeln, ehe sie einander eingestehen, daß sie Sappho lieber als Don Juan mögen.“(1). Diese Definition ist für den Film sehr passend. In der ersten Stunde passiert in dem Film so gut wie gar nichts. Alles was wir sehen ist eine Gruppe von Jugendlichen, die sich am Leben erfreuen und eine Party nach der anderen feiern, um sich nebenher an ihren Geschlechtsorganen zu erfreuen. Die dauerhafte Darstellung von Sex (in unserem Beispiel die Gewalt) wäre für den Zuschauer auch gar nicht aushaltbar, so Eco weiter. Außerdem benötige man das ‘normale’ als Hintergrundfolie, damit die ‘Übertretung’ deutlicher hervortritt. Doch das normale ist die denkbar schwierigste Kategorie, die es darzustellen gilt. Hieran scheitert auch der Film ‘Hostel’. Nicht die explizite Darstellung der Gewalt ist das Problem, sondern das langweilige Ausbreitung des banalen. Die einzelnen Charaktere verkommen zu Typen, diese werden dann zu Puppen die sinnlos zu Tode gefoltert werden. Aus dieser Argumentation heraus halte ich es für angebracht die Formulierung ‘Gewaltporno’ zu gebrauchen.
In dem Buch ‘Der Verdacht’ von Friedrich Dürenmatt geht es um den Zweikampf Zweier Männer, die eine unterschiedliche Weltanschauung und einen unterschiedlichen Glauben besitzen. Der Glaube an die Freiheit, aus der sich das Recht ergibt den Menschen zu foltern und zu töten, steht gegen eine humanistische Weltsicht. Die Gewalt, die Darstellung menschlichen Leidens, die Hilflosigkeit der Opfer, der sich daran ergötzende Dr. Emmenberger sollen eine Geisteshaltung illustrieren. Nichts geschieht aus reinem Selbstzweck.
Der Schnee wirbelt immer noch in großen Flocken vor meinem Fenster herum. Die Geschichte ist zu einem guten Ende gekommen. Ein wenig verstört bleibt der Leser zurück. Lange werden meine Gedanken um dieses Buch kreisen. Eine ‘einfache’ Geschichte fesselt mich mehr als ein belangloser Horrorfilm.
(1) Eco, Umberto: Wie man einen Pornofilm erkennt, in Wie man mit einem Lachs verreist und andere Nützliche Ratschläge; München, Wien 1993, S. 151-152.
13. Februar 2007 um 8:00
Gut, ich kenne diesen TeenieFilm Hostel und fand ihn auch so schon schrecklich