Es gibt Horrorfilme, die bleiben einem im Gedächtnis, nicht wegen ihrer Handlung, der spektakulären Spezialeffekte, der brutalen und besonders blutigen Mordmethoden, sondern einfach weil sie eine Geschichte auf eine besondere Weise erzählen.
Eine Eigenschaft des Theaters ist es, dass in ihm Konflikte in ihrer elementarsten Form gezeigt werden können. Nur das Wichtige wird gezeigt, alles Weitere wird ausgeblendet. Die menschliche Natur kann auf diese Weise vollkommen ausgeleuchtet werden. Keinerlei Moral versperrt uns den Blick. Der reine Kampf ums Dasein kann hier gezeigt werden. Welche Motive, welche Kräfte sind am Werk, um unser Überleben zu sichern? Welche Qualen sind wir bereit in Kauf zu nehmen? Mit einem Skalpell schneiden wir ins Fleisch, um zu beobachten welche Reaktion erfolgen wird.
In dem Film ‘Saw‘, von James Wan, wird dieser Kampf um das Überleben, mit den ureigensten Mitteln des Theaters auf das eindrucksvollste erzählt. Mehrere Personen werden in einem perfiden Spiel gezeigt. Um zu überleben müssen sie ihre niedersten Ängste und ihre elementarsten Moralvorstellungen überwinden. Außer dem ‘Survival’ Charakter ist dieses Spiel vollkommen sinnlos; der Überlebende soll sich seines Lebens bewußt werden, auf dass er dessen Wert zukünftig höher einzuschätzen weiß.
Das Interessante an diesem Film ist welche Strategien die einzelnen Personen benutzen, um den Kampf für sich zu entscheiden. Die Auseinandersetzungsformen zwischen den Personen sind hier das einzig Wesentliche.
In der Einleitung zu Bertold Brechts Theaterstück ‘Im Dickicht der Städte’, ist der folgende Satz zu lesen:
Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über die Motive dieses Kampfes, sondern beteiligen Sie sich an den menschlichen Einsätzen, beurteilen Sie unparteiisch die Kampfform der Gegner und lenken Sie ihr Interesse auf das Finish.
Bertold Brecht war Zeit seines Lebens fasziniert vom Boxkampf. In dieser Art hat er das Stück ‘Im Dickicht der Städte’ geschrieben. Zwei Kontrahenten bekämpfen sich, zwei Boxern gleich, ohne das jemals das Motiv für die Auseinandersetzung aufgezeigt wird. Vielmehr spielt die Art der Konfrontation eine Rolle. Finten werden vorbereitet, Haken werden geschlagen, alles nur um zu kämpfen, um des Kampfes willen. Der Sieger erhält keinen weiteren Preis; das Überleben soll Entlohnung genug sein.
Auf diese Weise betrachtet, kann man deutliche Parallelen zwischen dem Werk von Bertold Brecht und James Wan erkennen. Beide bauen eine Konstellation von Charakteren auf, die mit einer Urgewalt aufeinanderprallen. Wie bei einem Boxkampf, ist auch hier das Finish am interessantesten. Bei Brecht heißt es:
Es ist viel abgefallen von uns, kaum die nackten Leiber sind übriggeblieben.