Die Filme und Theaterstücke des neuen britischen Realismus sind mitunter nur schwer zu ertragen. Anstelle von fröhlichen, jungen Menschen wird der tiefe Schnitt ins Fleisch gezeigt. Es gibt keinerlei Beschwichtigungsversuche. Niemand wendet sich beschämt ab, wenn das Blut zu fließen beginnt. Die Kamera dokumentiert stoisch das Geschehen. Der Film ‘Irina Palm’ ist der neueste Vertreter dieser Gattung.
Jeder Film kommuniziert seinen Inhalt auf eine spezifische Art und Weise. Wird die Geschichte mehr über die Bilder oder über die Dialoge vorangetrieben? Oftmals ist es eine Mischung aus beidem, die aber ein Unikat ist. Der Film ‘Irina Palm’ besticht durch seine wunderschönen, traurigen Bilder. Der kalte Wind, der Maggie ins Gesicht bläst, wenn sie einsam durch die Vorstadtwelt geht, weht direkt bis in den Zuschauerraum hinein. Ohne unnötige Schnörkel, lässt sich die Tragik des Augenblicks, in einigen wenigen raumgreifenden Bildern erkennen. Dabei wird keine Idylle aufgebaut, keine Heldin wird gezeigt, keine Person, mit der sich zu identifizieren sowieso nie gelingt. Vielmehr werden soziale Strukturen dargestellt, die sich immer öfter in unserer Gesellschaft beobachten lassen. Wer die Augen nicht verschließt, wird diese Bilder jeden Tag sehen können.
Die Filme des britischen Realismus sollen verstörend sein, aber niemals zerstörerisch. Sie sind meist brutal, aber niemals ohne Hoffnung. Unzählige Beispiele ließen sich hier aufzählen. Ken Loach ist mit seinen Filmen ein starker Vertreter dieses Genre. In dem Film ‘Ae Fond Kiss‘ wird die schwierige Alltagswelt Pakistanischer Einwanderer beschrieben, die noch immer nicht richtig in die englische Gesellschaft integriert wurden. In Filmen (‘The Full Monty‘, ‘My Name Is Joe‘, ‘Calender Girls‘) von Ken Loach oder anderen Regisseuren, wird die oftmals brutale soziale Realität gezeigt. Dies geschieht mit einer humoristischen Leichtigkeit, mit der die tragischen Momente noch stärker zur Geltung kommen. Im Gegensatz dazu suggerieren die tumben Teenykomödien, die jährlich in immer neuen Versionen die Kinos überfluten, eine Welt, der man nicht entfliehen kann. Durch die totale Austauschbarkeit der Szenarien mutiert ihrer stumpfe Heiterkeit zu einer Hölle.
Bei dem in den englischen Filmen oft vorhandenen schwarzen Humor, bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Am Ende bleibt nichts mehr übrig. Meist sind die Personen in ihrer Einsamkeit und in ihrem Schmerz gefangen. Aber die hoffnungslosesten Geschichten haben den schönsten Silberstreif am Horizont. Die britische Dramatikerin Sarah Kane hat ihr brutalstes Stück ‘Gesäubert‘ (Cleansed), in einem Interview als Ausdruck der größten Hoffnung beschrieben. Die Menschen werden vernichtet, zeigen in diesem Moment das größte Mitgefühl füreinander. Eine brutale Welt, die die Saat für eine Besserung bereits in sich trägt. Diese Eigenschaft haben diese Werke mit dem Film ‘Irina Palm’ gemein.