Über ‘Peter den Großen’ wird folgende Anekdote erzählt. Auf Flottenbesuch in England unterhielt er sich mit der Admiralität. Dabei kam das Gespräch auf das Bestrafen von Seeleuten. Der russische Zar hätte von einer besonders grausamen Methode gehört, dem ‘Kiel holen’, ob man ihm das nicht mal vorführen könne. Die Admiräle sagten, das ginge leider nicht, da es zur Zeit keinen straffälligen Matrosen gäbe. Daraufhin sagte Peter der Große: „Na, dann nehmen sie doch einfach einen von meinen Leuten!“
Diese lakonische Anekdote über Peter den Großen ist für mich die beste Metapher für das, was ich die Seele des russischen Theaters nenne. Diese Ambivalenz, die in den russischen Geschichten immer vorhanden ist, fasziniert mich. Es wird nie nur eine Richtung vorgegeben. Das Publikum wird auf eine Reise geschickt, die ‘Leben’ heißt. Hier sind die Dinge traurig und komisch, brutal aber auch zärtlich, abstrakt sowie konkret zugleich. Die so aufgebauten Spannungen ziehen sich, Rissen gleich, durch die Gesellschaft, in denen die Charaktere unterzugehen drohen.
Es gibt einen immerwährenden Kampf ums Dasein, in einer Welt in der streckenweise nichts passiert. Die Menschen sitzen zusammen trinken Tee und/oder Wodka, unterhalten sich über die Absurdität des Lebens, träumen von der Zukunft, schwärmen über die Vergangenheit und warten darauf, dass die Zeit endlich vergeht. Dabei bekommen die Geschichten in wenigen Szenen eine ungeheure Schnelligkeit, einen Drall in Richtung auf den Abgrund zu, dem sich niemand entziehen kann. Anfang und Ende beginnen sich zyklisch zu überlappen. Die Welt ist hinterher nicht anderes als vorher. Es wird keine Besserung, sondern ein präzise Beschreibung der Seelenzustände erwartet. Im Vordergrund steht nicht der pädagogische Auftrag. Dadurch werden die Geschichten so authentisch. Es geht um Moral, niemals um scheinheilige Belehrungen.
Diese Darstellung menschlicher Probleme in Mikrostrukturen, die den Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht außer Acht lassen, verhelfen vielen russischen Stücken zu ihrer immer noch währenden Aktualität. Vielleicht ist dies der Grund, warum es zur Zeit in Berlin so viele gute Inszenierungen zu sehen gibt.