Tommy

Die Welt des Theaters ist oftmals ein eigenständiger, komplett auf sich selbst bezogener Ort. Abend für Abend werden Türen zu den verschiedensten Paralleluniversen aufgestoßen, in denen die Zuschauer Zeugen der unterschiedlichsten Geschehnisse werden. Der Moment der Aufführung mag noch so intensiv sein – spätestens wenn die Menschen ihre Mäntel von der Garderobe holen, gewinnt die reale Welt wieder die Oberhand, die Traumwelten verblassen. Es scheint eine unsichtbare Barriere, eine Art Unverträglichkeit zwischen Imagination und Realität zu geben. Nur wenige Aufführungen können diese Wand mit ihrer Kraft und Intensität zerschlagen. Diesen Durchbruch hat bei mir das Stück ‘Tommy‘ geschafft, das am Dienstag seine Premiere an der Schaubühne Berlin feierte.
Lange klingen die Worte nach, bleiben die unterschiedlichen Geschichten präsent. Der Weg durch die dunkle Nacht nach Hause, wird zu einer langen Diskussion über die unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten. Sichtweisen werden ausgetauscht und wieder verworfen, später aber doch wieder aufgenommen. In konzentrischen Kreisen bewegen sich die Gedanken, zwischen der Welt der Imagination und der Realität hin und her. Brücken werden geschlagen, auf denen die Gedanken, sich gegenseitig beeinflussend / wandern können. Beide Welten fangen an sich gegenseitig zu beeinflussen und zu inspirieren. Aus der bloß rezipierenden, konsumierenden Haltung, wird ein Dialog mit sich selbst, dem Stück, den Gedanken, die andere Menschen haben. Das Konglomerat dieser unterschiedlichen Erfahrungen, Gedanken, Ideen in Zusammenhang mit dem Stück machen die Erfahrung aus.
Am Ende des Abends hatten wir etwas Wein getrunken, vielleicht etwas Tabak geraucht und unsere Ideen und Gedanken ausgetauscht. Die Veränderung schien so klein, doch für mich war die Welt nicht mehr dieselbe. So sollte Theaterabend sein.


Hier kann man einen sehr kleinen und ausschnitthaften Eindruck vom Stück gewinnen.

Eine Antwort zu “Tommy”

  1. lotteu sagt:

    Hallo Theaterfreund,
    da ich an dem Abend neben Dir saß und du recht wenig über den Inhalt hast verlauten lassen, werde ich noch zwei meiner stückspezifischen Eindrücke mitteilen.

    1. Bühne und Publikum waren nur sehr geringfügig getrennt. In anderen konventionelleren Berliner Theatern gibt es erste, zweite, … Reihen, eine Anordnung von besser gestellten Zuschauern und den Studenten / Schmalverdienern auf den billigen Plätzen. Die Schaubühne schafft es immer öfter, die monetären Grenzer zum Gewinn der Inszenierungen aufzuheben. Nur zwei bis drei Reihen, die ein quadratisches Stück Boden eingrenzten, definierten Fläche als Bühne. Über ihr hangen an einem Raster ausgerichtete, quadratische Leuchtstoffröhrenlampen, die den ganzen Raum erleuchteten. Wir Zuschauer waren nie im Dunkeln, sondern stehts sichtbar für andere. Leider waren die Schauspieler von den Zuschauern leicht zu unterscheiden, da die Kostüme im Programm, die Selben waren, wie am erlebten Abend. So war schnell klar, das Bettina Hope und die zwei neuen, eher unbekanntern Gesichter zunächst Zuschauer “spielen”. Trotzdem: die vorgespielte UN-Blauhelm-Collage war aus der Realität entwachsen und deshalb passte der Anfang wunderbar. Bis auf Tommy wechselten die anderen beiden ihre Identitäten und illustrierten dies durch ihren Ortswechsel. Rechts hinten waren beide Mutti und Vati, befand sich Sebastian Schwarz mit Tommy (Stefan Stein) in der Mitte, war er sein Kamerad. Das Stück brauchte keine Mitmachaktionen, denn wir machte alle unwilkürlich mit - wir waren da!

    2. Während des Endes fand ich die Geschichte immer berechenbarer. Tommy tickt aus, findet als ehemaliger Blauhelmsoldat den Weg in das zivile Gesellschaftsleben nicht mehr zurück. Seitdem über Kriege etwas genauer reflektiert wird, gibt es diese Verläufe. Doch als wir auf dem Nachhausweg uns näher mit dem Stück auseinandersetzten - mein Enttäuschung die ein Position und deine Enthusiasmus die Gegenposition war - merkte ich, wie wenig ich die Kernthematik gesehen hatte. Die Perversität, eine gedrillter, fit gemachter Soldat darf sich als UN-Blauhelm nicht wie einer verhalten, sondern muss sich stehts passiv und neutral verhalten, wurde die ganze Zeit auf der Bühne thematisiert. Doch ich habe es nicht gesehen - sehen wollen?

    Rückblickend gestehe ich, dass ich die gleiche Erfahrung an diesen Abend machen konnte: die Welt war nicht mehr die Selbe. Anhand dieses Stückes, der Inszenierung dieses wunderbaren Berliner Theaterensembles habe ich das erste Mal die psychologischen Ausmaß eines Blauhelm-Daseins begreifen können. Danke!

Eine Antwort hinterlassen

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.