Angst essen Seele auf
Der durchschnittliche US-Amerikaner scheint nicht sonderlich an ausgiebigen Auslandsreisen interessiert zu sein. Laut US-Statistik besitzen ‘nur’ 15 Prozent der Amerikaner einen Reisepass. Diese Zahlen sind auf den ersten Blick nicht sonderlich interessant, korrelieren aber mit dem Phänomen, dass in immer mehr amerikanischen Filmproduktionen (Hostel, Hostel 2, Turistas) das Ausland als Bedrohung dargestellt wird.
Hinter der Fassade eines idyllischen Urlaubsortes lauert das pure Grauen. Die meist jugendlichen Reisenden werden größtenteils aus Spaß ausgeraubt, gequält, gefoltert, ermordet oder einfach als unfreiwillige Organspender mißbraucht. Ein Grundmuster, das in diesen Filmen immer wieder vorkommt, lautet: Alles was passiert, geschieht nur aus dem einfachen Grund, weil die amerikanischen Touristen nicht zuhause bleiben wollen/können. Aus Abenteuerlust, auf der Suche nach dem Nervenkitzel bereisen sie die Welt. Anstelle von freundlichen, hilfsbereiten Menschen lauern hinter jeder Straßenecke - die Machete stets griffbereit - die meuchelnden Einheimischen. Erst einmal zerhackt und irgendwo verscharrt, bleibt meist nur der Reisepass übrig. Dieser verschwindet dann als Symbol der Mahnung in irgendeinem Schrank, der vor Pässen aller möglichen Nationalitäten nur so überquillt. Einige Wenige überleben den Trip und geben dann den gutgemeinten Rat an ihre Landsleute weiter: Bleibt besser zuhause!
Das Reisen kann eine der grundlegendsten Erfahrungen des Menschen sein. Aus seinem Alltag herausgerissen, wird er mit den unterschiedlichsten Ländern, Kulturen, Menschen konfrontiert. Dabei wird der Reisende durch all die Begegnungen mit fremden Dingen - auf sich selbst zurückgeworfen. Die Konfrontation mit sich selbst verändert den Blick auf sein eigenes Leben, vielleicht sogar auf sein eigenes Land.
Die Angst ist das beste Mittel einen solchen Austausch zu verhindern, sei es nun die Furcht vor Krankheit, Verbrechen oder Naturkatastrophen. Diese Angst beginnt an einem zu knabbern. Auf diesem Nährboden der Ungewissheit können Vorurteile besonders gut gedeihen. Fremdheit wird immer mehr zu einem Synonym für böse, schlecht, gefährlich usw… Eine verständliche Reaktion auf diese Gefühle ist es, sich einzuigeln. Die Reise ins Ausland ist gefährlich, also bleibe ich zuhause. Doch was ist mit den Ausländern, die zu uns ins Land wollen? Sind diese nicht auch gefährlich? Hierdurch kommt es zu einem fatalen Wechselspiel. Reiseangst und die Angst vor Reisenden bedingen sich-. Eine xenophobe Gesellschaft entsteht, deren Mitglieder sich eine Kette aus Angst geschmiedet haben. Filme wie die oben genannten verstärken diese Verbindung immer weiter.
Der einzige Weg aus diesem Dilemma ist es, wenn die Amerikaner beginnen würden, sich selbst und ihren Kontinent zu erkunden. Damit meine ich aber nicht - ausschließlich ihr eigenes Land, sondern vielmehr den gesamten amerikanischen Kontinent. So nah liegen die Länder in Mittel- und Südamerika und doch scheinen sie jedem einzelnen US-Amerikaner so fern. Politisch und menschlich können die Meinungen über Che Guevara geteilt sein, doch er hat zumindest versucht seinen Kontinent kennenzulernen. Die Amerikaner sollten sich lieber ‘The motorcycle Diaries‘ anstelle von ‘Turistas’ anschauen. Dann wagen sie vielleicht einen Schritt in die weite Welt hinaus.