Emilia Galotti

Die Aufbereitung von Klassikern am Theater ist keine leichte Aufgabe. Die alten Texte von immer neuen Blickwinkeln aus zu betrachten, gehört zu den anspruchsvolleren Theater- oder Regieaufgaben. Dabei soll nicht nur alter Wein in neue Schläuche gefüllt werden. Immer wieder stellen sich Regisseure dieser Prüfung. So auch Michael Thalheimer mit seiner Inszenierung des Stücks ‘Emilia Galotti‘, das zur Zeit am Deutschen Theater zu sehen ist.
Der von Thalheimer gewählte Ansatz ist sehr spektakulär. Einen Klassiker in 90 Minuten zu erzählen, scheint auf den ersten Blick eine nicht zu meisternde Aufgabe zu sein. Doch wenn man sich auf das Experiment einlässt, entfaltet die rasante Vortragsweise schnell ihre wohltuende Wirkung. Nur eine Essenz ist von den Szenen und Dialogen übrig geblieben. Diese wurden aber mit knappen Gesten in hochkonzentrierter Dosis und immer punktgenau vorgetragen. So mancherlei Beiwerk wurde einfach beiseite gelassen. So zeigt sich das Stück in einem schmucklosen, sehr funktionalem Kleid. Die einzelnen Handlungsstränge werden nur sehr rudimentär dargestellt. Der textunkundige Zuschauer wird nur mit Mühen den knapp angedeuteten Verwicklungen der Personen folgen können.
Hier offenbart sich eine Problematik, die jeder Interpretation zugrunde liegt: Durch Kürzungs- und Verfremdungseffekte soll versucht werden, eine bekannte Geschichte in einem anderen Licht zu betrachten. Diese Veränderungen lassen sich aber nur vermitteln, wenn der Stoff dem Publikum ausreichend bekannt ist. Ohne ausreichende Textkenntnis ist der Zuschauer hier verloren. Die Möglichkeiten die Einfälle der Regie zu würdigen, sind dann stark eingeschränkt. Ein Abgleich zwischen Originaltext und Interpretation ist nicht möglich. Auf der Bühne ist nun ein mehr oder minder verständliches Fragment zu sehen, dessen einzelne Teile nicht zu einem Gesamten verbunden werden können. Das ‘Zusammenkleben’ der einzelnen Teile ist im Kopf zwar möglich, doch die Verständnisklippen, die sich hier auftürmen, sind oft steil und scharfkantig, so dass die meisten Theaterbesucher irgendwann während der Aufführung Schiffbruch erleiden. Nur durch eine Kenntnis des Originaltextes lässt sich diese Problematik umgehen.
Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang geradezu aufdrängt, lautet: Wieviel Vorarbeit kann dem Publikum abverlangt werden und wieviel Arbeit ist jeder einzelne Theaterbesucher bereit, in eine gelungene Vorstellung zu investieren? Diese Fragestellung stellt beide Seiten vor ein nicht einfach zu lösendes Problem. Theatermacher müssen ihre Inszenierungen so konzipieren, dass sie vom Publikum bewältigt werden können. Dabei laufen sie aber Gefahr, ihr Publikum einer strukturellen Unterforderung auszusetzen. Zuschauer wiederum müssen bereit sein, den Text für eine Aufführung zu lesen. Nur durch diese Vorarbeiten und dem Einfühlungsvermögen des Regisseurs in sein Publikum, lassen sich gelungene Veranstaltungen kreieren.
Nicht jeder muss sich en détail in der Literatur auskennen, ein Blick in den Text vor der Vorstellung schadet aber nicht. Meiner Erfahrung nach erleichtert es das Verständnis der Vorgänge auf der Bühne ungemein. Die Ideen der Dramaturgen, Schauspieler, Regisseure lassen sich so viel besser einschätzen. Schlechte Regieeinfällen kann ich profunder von guten unterscheiden. Außerdem ist der Lustfaktor viel höher, wenn man sich intellektuell mit einem Thema auseinandersetzen kann.

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