M – Eine Stadt sucht eine Melodie

Wie die Musik ein Theaterprojekt rettet und dem Kritiker eine schlaflose Nacht bereitet.
Es ist Nacht. Ich liege wach in meinem Bett und mein Kopf fährt mit mir zu der immer gleichen Melodie Karussell. Mal schnell, mal langsam tanzen die Töne durch meinen schläfrigen Geist. Es ist die Melodie des Mörders aus dem Film, der Peter Lorre sowie Fritz Lang gleichermaßen weltberühmt gemacht hat: M Eine Stadt sucht einen Mörder.
In diesen Tagen feierte am Maxim Gorki Theater in Berlin, unter der Regie von Stefan Pucher eine gleichnamige Bühnenfassung Premiere. Der Vorlage gemäß steht das Berlin der Dreißiger Jahre im Mittelpunkt, in der ein Kindermörder sein Unwesen treibt. Auf einer weiteren Ebene wird die Stimmung beleuchtet, die in jener Zeit herrschte als Fritz Lang seinen Film drehte. Diese Vielschichtigkeit hat Stefan Pucher, mit unterschiedlichen Mitteln umgesetzt. Das Ergebnis ist eine multimediale Schau, die Videotechnik mit Bühnenkunst vereint. Dazu kommt der gezielte Einsatz der Musik. Das Grübeln darüber hat mich bis spät in die Nacht wach gehalten. Warum fasziniert mich diese Musik so?
Der Einsatz von Musik im Theater ist eine komplexe Angelegenheit, die sich durch die unterschiedlichsten Dynamiken auszeichnet. Musik erzeugt im Publikum Gefühle, wie z.B. Angst oder Freude. Auf einer abstrakteren Ebene lässt sich dadurch Einsamkeit oder Leere vermitteln. Die gezielte Auswahl der Musik kann das Spiel der Schauspieler akzentuieren und ausdrucksvoller wirken lassen. Mithilfe einer feinfühlig ausgewählten Melodie wird das Publikum unmittelbar in eine Szene eingeführt. Durch die emotionalen Verbindungen zu der Musik lässt sich in wenigen Sekunden ein komplexes Bild erzeugen, das durch Worte erst langwierig aufgebaut werden müsste. Schnell lässt sich ein Plateau erreichen. Von hier kann man die Szene aus einem bestimmten Blickwinkel betrachten. Am Besten funktionieren ältere Titel, die genügend Zeit hatten in das Bewußtsein des Publikums einzusickern, um dort einen emotionalen Anreicherungsprozeß zu durchlaufen. Jeder einzelne Zuschauer bringt seinen eigenen Kontext mit. Hiermit kann der Regisseur spielen. Die Nachteile liegen hierbei auf der Hand. Die Produktion setzt sich immer dem Risiko aus, dass das Publikum die Musik nicht erkennt und nichts damit anzufangen weiß. In der Inszenierung von ‘M’ ist dieses Risiko aber minimal, da die Melodie, die der Kindermörder Hans Beckert immer pfeift weltbekannt geworden ist. Der Film ist die Melodie und die Melodie ist der Film.
Bei dem Versuch ein so komplexes Thema, wie es die Filmvorlage von Fritz Lang vorgibt, auf die Bühne zu bringen, ist es notwendig Passagen zu streichen bzw. konsequent Schwerpunkte zu setzen. Gelungen ist es dem Regisseur, das Projekt in einer nicht allzu sehr ausufernden Spielzeit von 75 Minuten aufzuführen. Das Hauptaugenmerk der Inszenierung liegt in der Vermittlung von Angst. Es geht nicht darum, konsequent die Geschichte eines Mörders zu erzählen, sondern darum Gefühle zu transportieren. In kleinen Szenen werden die unterschiedlichsten Aspekte und Stimmungen dargestellt. Doch Puchers beeindruckendster Schachzug, die damals vorherrschenden Gefühle der Angst, der Bedrohung, des Mißtrauens einzufangen, liegt auf der musikalischen Ebene. Zu Beginn des Theaterstücks erklingt die unheimliche Musik. Die ersten Töne ziehen uns in die kalten Häuserfluchten eines fiktiven Berlins. Die Musik zeigt: Hier geht der Mörder um, mit ihm die Angst und das Misstrauen. Der Nachbar, die Freunde, sie alle können der potentielle Mörder sein! Vielleicht sitzt er sogar im Publikum? Niemand weiß, wer der Täter ist. Immer wieder ertönt die Melodie mal weht sie leise über die Bühne, dann ist sie wieder laut und donnernd.
Die Stärke der Aufführung ist die Nutzung des Elements Musik. Ohne sie ließe sich nicht die notwendige Intensität aufbauen. Einzelnen Szenen, die das damals weit verbreitete Denunziantentum oder die Hysterisierung der Massen zeigen, fallen etwas langatmig und verwirrend aus. Darin vorkommende Monologe sprechen zu sehr den Verstand an. Sie haben den Duktus des Oberlehrers. Diesem Eindruck kann nur der Schauspieler Peter Kurth entgegenwirken, der als Mörder Hans Beckert durch Berlin hetzt und immer wieder die gleiche todbringende Melodie pfeift. Diese Emotionalität ist die Stärke der Inszenierung.
Mit der Musik im Kopf habe ich letzte Nacht wach gelegen. Am Morgen habe ich diese Gedanken zu Papier gebracht. Nun kann ich leise pfeifend den Stift beiseite legen und versuchen zu schlafen.


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