Die Umwandlung der Angst in Furcht

Vor einigen Monaten wurde in einer entlegenen Region im Amazonasgebiet, bei einer bis zum jetzigen Zeitpunkt geheim gehaltenen Ausgrabung, eine Schriftrolle gefunden, die die Geschichte dieser Region revolutionieren könnte. In dem Schriftstück wird die Existenz einer antiken Kultur angedeutet, auf die es bisher keine weiteren Hinweise gibt. Der Text konnte vorerst nur in Bruchstücken rekonstruiert werden. Es handelt sich dabei um einen Brief der von einem Geistlichen oder Hohepriester an den damaligen Herrscher geschrieben wurde. Wir freuen uns ihnen den Text hier exklusiv präsentieren zu können.

Seit Jahren leben die Menschen in unserer Region in Angst. Immer wieder kommt es zu verheerenden Erdbeben, bei denen etliche Hütten, Straßenzüge, Wohnviertel, zum Teil ganze Dörfer oder Städte zerstört werden. Die Bevölkerung steht diesem Phänomen machtlos gegenüber. Unsicherheit und Apathie breiten sich im Land aus. Die Natur gilt als nicht mehr berechenbar. Das was uns einst Nahrung, Leben und Sicherheit versprach, ist nun zu einem Symbol des Todes, des Unterganges geworden. Es wird uns immer wieder der Boden unter den Füßen fortgezogen. Auf diesem schwankenden Grund können wir unsere Zivilisation nicht mehr lange aufrechterhalten. Die Bauern arbeiten nicht mehr auf den Feldern, die Arbeiter gehen nicht mehr in die Werkstätten., die Frauen lassen ihre Kinder verkommen, niemand sieht mehr einen Sinn in seinem Tun. Es ist schon zu einem Anstieg der Kriminalität gekommen, selbst normale Bürger stehlen, morden, vergewaltigen. Der Glaube geht um, der Weltuntergang sei gekommen. Dieser Zustand wird nicht mehr lange andauern können. (Hier wird die Aufzeichnung undeutlich, bricht ab, wird später aber wieder leserlich)
Aus diesem Grunde schlage ich vor unsere Gottheit (unleserlich) wieder mehr in den Mittelpunkt unserer Religion zu rücken. Die Menschen müssen die unregelmäßig wiederkehrenden Erdbeben als die Strafe unseres Gottes begreifen. Die Erde zerstört von nun an nicht mehr grundlos ihre Häuser, ihre Straßen, ihre Dörfer und Städte, tötet ihre Männer, Frauen und Kinder, sondern weil sie selbst die Schuld daran tragen. Die Menschen haben gegen die ungeschriebenen Gesetze verstoßen. Unserem Gott zu gefallen muss zukünftig die größte Aufgabe eines jeden Mannes, einer jeden Frau, eines jeden Kindes in diesem Lande sein. Die diffuse Angst vor den Naturphänomenen, gegen die keine Abwehr möglich war, wird ersetzt durch eine Furcht vor unserem Gott, der uns straft wenn wir Böse waren, aber uns auch seine Liebe zeigt, in dem er die Erde schweigen lässt. Wir können vermeintliche Strategien zu seiner Besänftigung entwickeln. Zukunft wird wieder planbar werden, die Kraft des Handelns wird uns wieder zurückgegeben. Die Menschen müssen sich nicht mehr dem Untergang hingeben. (Hier wird der Text wieder undeutlich, zum Ende aber wieder lesbar.)
Weiter könnte es nötig sein, um die derzeit angespannte Lage zu beruhigen und um unsere Gottheit zu besänftigen, das Ritual des Menschenopfer wieder einzuführen. Ein Staatssystem in Angst wird garantiert untergehen, darum ist es gerechtfertigt, einige wenige zum Nutzen aller zu opfern.

Dies ist wie, weiter oben geschrieben, das einzige Dokument, das die Existenz dieser Zivilisation bisher belegen konnte. Fieberhaft suchen unsere Forscher nach weiteren Zeugnissen. Warum ist dieses Volk untergegangen? Es hat wohl ausgeklügelte Strategien gegeben, um ein nahendes Unheil abzuwenden? Oder, haben die ergriffenen Maßnahmen dazu geführt, die ausufernde Anarchie noch zu beschleunigen? Vielleicht bleiben uns diese Fragen ewig erhalten, wir werden aber nie aufhören nach Antworten zu suchen.

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