Das Licht und die Farben in der Hitze des Mittags gefallen mir immer am Besten. Die Luft vor meinen Augen flirrt, die Formen und Konturen verschwimmen, die Grillen erzählen in ihrer geheimnisvollen Sprache schöne Geschichten, ein Geruch von Sommer liegt über dem Land. Meiner Mutter sind diese drückenden Stunden des Tages immer zuwider. Oft verbarrikadiert sie sich im Haus und lässt sich nicht blicken. In dieser Zeit bin ich die Herrscherin über dieses große Anwesen – nur in eine andere Zeit versetzt muss es sein, vielleicht in die Mitte des 18. Jahrhunderts, oder so. Oft ziehe ich mir ein helles Baumwollkleid an, setze einen Hut auf, wie die Damen in den Geschichten von Jane Austen ihn immer tragen. Mit meinem Sonnenschirm in der einen und einem Roman in der anderen Hand flaniere ich lesend durch unseren Garten. Meine Mutter wacht sonst immer mit Argusaugen über jeden meiner Schritte, doch in den Mittagsstunden kann ich meiner Phantasie freien Lauf lassen. Dies ist die Zeit wo die Grenze zwischen der Realität und meiner Gedankenwelt durchlässig wird. Hier treffe ich mich mit Personen aus meinen Traumbildern, hier kann ich Dinge sehen, die nur für mich existieren, hier lebe ich in meiner eigenen kleinen Welt.
Die schönsten Momente erfahre ich in diesem speziellen Garten der Imagination, doch die Schönheit wäre nichts ohne das Häßliche, das Glück nichts ohne das Unglück, die Sicherheit nichts ohne die Gefahr. Es existiert nicht nur eine feine Linie zwischen Traum und Wirklichkeit. Auch innerhalb des imaginären gibt es Grenzen, hier zwischen Gut und Böse. Mein kleines Reich des Lichts wird bedroht von dem Reich der Schatten, in dem sich schon mancher mutig hineingewagt, aber nie wieder hinaus gefunden hat. Außerhalb meines hellen Gartens liegen die dunklen Wälder, die ich noch nie betreten habe. Ich weiß nicht was dort auf mich lauert, doch die Angst vor diesem Ort lässt mich schaudern. An manchen Tagen kommen unheimliche Geräusche, oder ein schriller Ruf aus der Tiefe der anderen Seite. Für Sekunden erstarrt alles Leben in meiner Welt, dann warte ich darauf, das eine bösartige Macht in meine Welt eindringt. Doch es kommt nie. Die Grillen beginnen zaghaft wieder zu singen, die Dinge finden zurück zu ihrem natürlichen Rhythmus. Nur das Licht scheint eine Spur kälter geworden zu sein, so als ob mit dem Schrei, etwas in meinem Garten zurückgeblieben ist, das sich so schnell nicht mehr vertreiben lässt.