Die Stadt Berlin ist mit der Fülle an Theaterspielstätten ein reich gesegnetes Pflaster. Es kommt immer wieder vor, das ein und dasselbe Stück an zwei Häusern aufgeführt wird. Diese Woche komme ich in den Genuss, mir den Hamlet von William Shakespeare in zwei Versionen anschauen zu dürfen. Den Anfang macht die Inszenierung von Thomas Ostermeier an der Schaubühne am Lehniner Platz. In der Rolle des Hamlet, ist hier der grandiose Lars Eidinger zu sehen.
Alles beginnt mit einer subjektiven Verdichtung der Zeit. Die Welt stürzt auf einen Punkt hin, wird komprimiert, Ereignisketten werden zu parallel ablaufenden Handlungen. In dem einen Moment wehrt sich der tote Vater Hamlets noch gegen seine Beerdigung (wunderbare Slapstick Nummer), kurz darauf folgt schon die Hochzeit zwischen der Mutter und dem Onkel. Zumindest empfindet Hamlet den zeitlichen Zusammenfall von Tod und Hochzeit als so gravierend. Eine sprachliche Entsprechung findet dieser Vorgang in dem Satz:
“Der Braten vom Leichenschmaus ziert, kalt jetzt, die Hochzeitstafel.”
Dieser Satz dient als Ausgangs- und Ankerpunkt für die Inszenierung von Thomas Ostermeier. Dies ist der Augenblick wo sich der Blickwinkel des Prinzen langsam zu verschieben beginnt. Zeit und Raum werden von Hamlet anders wahrgenommen, anders empfunden. Mit der Nachricht von der Ermordung des Vaters, beginnt er zusätzlich die Rolle des Narren noch zu spielen, um sich dahinter verstecken zu können. Dabei nähern sich das verrückt-sein und das verrückt-spielen immer weiter an. Die Personen am königlichen Hof erscheinen mehr und mehr als zwielichtige Personen. Wer bespitzelt wen? welche Rolle spielte er/sie bei der Ermordung des Vaters? Vor allem das Vertrauen in seine Mutter ist bei Hamlet schwer erschüttert, was die Beziehung zu seiner Liebe Ophelia schwer belastet. Diese Gemengelage aus Mißtrauen, Realitätsverdichtung, Rachsucht machen aus Hamlet einen wahnsinnigen, der sich selbst und die Menschen um ihn herum in den Tod reißt. Darauf richtet Ostermeier in der 2 1/2stündigen Aufführung gekonnt das Augenmerk des Publikums.