Eine lesende Dame

25. August 2008

Das Licht und die Farben in der Hitze des Mittags gefallen mir immer am Besten. Die Luft vor meinen Augen flirrt, die Formen und Konturen verschwimmen, die Grillen erzählen in ihrer geheimnisvollen Sprache schöne Geschichten, ein Geruch von Sommer liegt über dem Land. Meiner Mutter sind diese drückenden Stunden des Tages immer zuwider. Oft verbarrikadiert sie sich im Haus und lässt sich nicht blicken. In dieser Zeit bin ich die Herrscherin über dieses große Anwesen – nur in eine andere Zeit versetzt muss es sein, vielleicht in die Mitte des 18. Jahrhunderts, oder so. Oft ziehe ich mir ein helles Baumwollkleid an, setze einen Hut auf, wie die Damen in den Geschichten von Jane Austen ihn immer tragen. Mit meinem Sonnenschirm in der einen und einem Roman in der anderen Hand flaniere ich lesend durch unseren Garten. Meine Mutter wacht sonst immer mit Argusaugen über jeden meiner Schritte, doch in den Mittagsstunden kann ich meiner Phantasie freien Lauf lassen. Dies ist die Zeit wo die Grenze zwischen der Realität und meiner Gedankenwelt durchlässig wird. Hier treffe ich mich mit Personen aus meinen Traumbildern, hier kann ich Dinge sehen, die nur für mich existieren, hier lebe ich in meiner eigenen kleinen Welt.
Die schönsten Momente erfahre ich in diesem speziellen Garten der Imagination, doch die Schönheit wäre nichts ohne das Häßliche, das Glück nichts ohne das Unglück, die Sicherheit nichts ohne die Gefahr. Es existiert nicht nur eine feine Linie zwischen Traum und Wirklichkeit. Auch innerhalb des imaginären gibt es Grenzen, hier zwischen Gut und Böse. Mein kleines Reich des Lichts wird bedroht von dem Reich der Schatten, in dem sich schon mancher mutig hineingewagt, aber nie wieder hinaus gefunden hat. Außerhalb meines hellen Gartens liegen die dunklen Wälder, die ich noch nie betreten habe. Ich weiß nicht was dort auf mich lauert, doch die Angst vor diesem Ort lässt mich schaudern. An manchen Tagen kommen unheimliche Geräusche, oder ein schriller Ruf aus der Tiefe der anderen Seite. Für Sekunden erstarrt alles Leben in meiner Welt, dann warte ich darauf, das eine bösartige Macht in meine Welt eindringt. Doch es kommt nie. Die Grillen beginnen zaghaft wieder zu singen, die Dinge finden zurück zu ihrem natürlichen Rhythmus. Nur das Licht scheint eine Spur kälter geworden zu sein, so als ob mit dem Schrei, etwas in meinem Garten zurückgeblieben ist, das sich so schnell nicht mehr vertreiben lässt.


Das gelbe Rauschen

1. August 2008

Im grellen Licht der Abendsonne verschwimmt die Welt vor meinem Fenster. Die Luft in meinem Zimmer ist angenehm kühl, lässt mich aber dennoch frösteln. Nach der schreienden Hitze des Tages genieße ich die ruhige Atmosphäre des Raumes. Noch eine Weile blicke ich aus dem Fenster, stelle dann die Staffelei in die Ecke und wende mich dem Tisch zu. „Die Malerei ist mir heute gut von der Hand gegangen.“ sage ich laut gegen die Stille. Doch niemand antwortet. Mit meinem Tagwerk zufrieden gieße ich mir etwas Absinth in ein Glas, lasse langsam Wasser in den Alkohol fließen, das Gemisch wird sofort milchig grün. Der erste Schluck wirkt belebend. Auf einem Stuhl sitzend, schaue ich wieder aus dem Fenster. Alles was ich sehe ist gelb. Ein leuchtendes, hektisch pulsierendes gelb. Nicht mehr. Nichts anderes. Ich schließe meine Augen. Noch immer sehe ich dieses grelle gelb gegen meine geschlossenen Lider tanzen. Nun spüre ich es, wie es sich langsam anschleicht, wie es Besitz von mir ergreifen will, es ist schon in diesem Raum, es ist ganz nah, diese Gefühl. Mein Körper beginnt sich zu verzerren, zu verrenken, eine unsichtbare Spannung verbiegt meine Glieder, wie bei einer Puppe. Schweißtropfen sammeln sich auf meiner Stirn, Angst kriecht in kleinen Schauern der Lust meinen Rücken hinab, mein innerstes verkrampft sich zu einem heißen Stein, meine Hände sind zu Fäusten geballt, die Nägel schneiden tief ins eigene Fleisch, eine Bilderflut schwappt in Wellen durch meinen Kopf. Ich kann es hören, ich kann es sehen, ich kann es spüren, ich kann es fühlen, es hält meinen gesamten Körper gefangen. Es gibt kein Entkommen, es lohnt kein Kampf, es winkt kein Sieg. Ich werde ihm unterliegen, dem Drang zu malen, die ganze Nacht. Das gelbe Rauschen, es ist da.


Deine Kinderschuhe

28. Juli 2008

Deine Kinderschuhe baumeln noch immer an dem Rückspiegel in meinem Auto. Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem ich sie dort aufgehängt habe. Etwas von dir sollte mich ständig auf meinen Wegen begleiten. Noch immer kann ich dein Lachen, bei deinem ersten Schritt hören. Deine Stimme war voller Verwunderung, das dem ersten Schritt, noch ein zweiter, ein dritter gefolgt ist. Ich sehe dich an der Tür stehen, du bist auf mich zugelaufen – deine kleinen Hände, die nach meiner großen Hand greifen. Es war ein schönes Gefühl, dich auf die eigenen Füße zu stellen, dich auf dem ersten Meters deines Lebens zu begleiten. Viele Momente des Glücks haben wir zusammen erlebt. Erst konntest du laufen, dann lief ich neben deinem Rad her, zuletzt fuhren wir mit meinem Auto. Ich hatte die Macht, dir all diese Dinge zu ermöglichen, ich konnte dir soviel beibringen. Die Welt wolltest du erkunden, dabei wusste ich nie, ob du je zu mir zurückfinden würdest. Dieses Gefühl der Ohnmacht hat mich die ganze Zeit begleitet. Ich konnte dich lehren zu laufen, aber deinen Lauf nie bestimmen, am Ende musstest du deinen Weg immer alleine gehen. Deine Kinderschuhe schaukeln noch immer leicht im Fahrtwind, der durch das geöffnete Fenster weht. Gerade haben wir dich beerdigt. Auf dieser Welt werden wir uns nie wieder sehen. Aber wenn ich in diesem Auto sitze, habe ich das Gefühl, dir nahe zu sein, dann weiß ich wir werden uns wiedersehen. Irgendwie. irgendwo. Nun muss ich den ersten Schritt auf dich zugehen.


Die Umwandlung der Angst in Furcht

23. Juli 2008

Vor einigen Monaten wurde in einer entlegenen Region im Amazonasgebiet, bei einer bis zum jetzigen Zeitpunkt geheim gehaltenen Ausgrabung, eine Schriftrolle gefunden, die die Geschichte dieser Region revolutionieren könnte. In dem Schriftstück wird die Existenz einer antiken Kultur angedeutet, auf die es bisher keine weiteren Hinweise gibt. Der Text konnte vorerst nur in Bruchstücken rekonstruiert werden. Es handelt sich dabei um einen Brief der von einem Geistlichen oder Hohepriester an den damaligen Herrscher geschrieben wurde. Wir freuen uns ihnen den Text hier exklusiv präsentieren zu können. Den Rest des Beitrags lesen »


Der Elefant

22. Juli 2008

Ich bin ein Elefant. Nie werde ich etwas vergessen, nie werde ich etwas verdrängen, alles wird in meinem Kopf bleiben. Es wird sich kein Loch innerhalb meines Gedächtnisses auftun, durch das alle meine alten Gedanken entweichen können, wie durch einen rostigen Abfluss. Vielleicht habe ich deswegen einen so großen Kopf? Der Druck in meinem Schädel wird immer größer, immer größer, immer größer, keine Erleichterung, meine Knochen verformen sich, verschieben sich, in eine extreme Form. Manchmal weiß ich nicht mehr, wo meine Umwelt anfängt und ich aufhöre. Mein Verhalten ist deshalb oft tumb und unbeholfen,das Leben ist ein riesiger Porzellanladen durch den ich mich, innerlich verkrampft bewege, aus der Angst etwas kaputt zu machen. Ich möchte mich akkurat bewegen, setze einen Fuß vor den anderen, doch ich gehe nicht richtig, funktioniere nicht richtig, hinterlasse hinter mir einen Scherbenhaufen. Immer. There are no accidents! One often meets his destiny on the road he takes to avoid it. In der alten, runzligen Haut meiner Füße stecken Splitter, neben noch offenen Wunden und alten großen Narben. Ich habe immer versucht meine Verletzungen zu ignorieren, oder gar zu vergessen, doch das habe ich nie geschafft. So humple ich auf meinem Weg durch das Leben, auf den großen, einsamen Friedhof zu. Vielleicht fragen sie sich nun warum ich meinen Weg nicht ändere? Ich bin ein Elefant.


Krieg der Vögel

20. Juli 2008

Die Trauer ist so stark, so intensiv, so mächtig, meine Kräfte reichen nicht aus, um mich auf den Beinen zu halten. Schwankend, taumelnd stehe ich da. Vor mir liegen die sterblichen Überreste meines Sohnes, der auf einen Scheiterhaufen gebettet wurde. In meiner Hand halte ich die Fackel, mit der ich das Reisig entzünden werde. Durch das Feuer werde ich meinen Jungen auf die Reise ins Jenseits schicken. Die trockenen Blätter und Äste brennen gut. Die Flammen schlagen hoch in den Abendhimmel, dunkle Schatten tanzen um mich herum. Plötzlich steigt ein schwarzer Vogel aus der Glut hervor, der sofort im Dunkel der Nacht verschwindet. Noch einer entspringt dem Feuer, noch einer und noch einer. Es werden immer mehr, immer mehr, immer mehr. In zwei Gruppen sammeln sie sich am Himmel. Auf ein unbekanntes Zeichen stürzen die beiden Haufen aufeinander zu, verkeilen sich ineinander, beginnen einen Kampf bis aufs Blut. Ein Krieg der Vögel wird vor meinen Augen aufgeführt. Mal scheint die eine Gruppe den Sieg davon zu tragen, dann ist wieder die andere Gruppe vorn. Aus Sekunden werden Minuten, aus Minuten Stunden in denen die Vögel ihren Kampf austragen. Ich setze mich in den Sand, um dem Schauspiel besser folgen zu können. Die ewig gleichen, monotonen Bewegungen lassen mich müde werden. Immer öfter schließe ich meine Augen bis ich sie nicht mehr offen halten kann. Eine traumlose Dunkelheit umhüllt mich. Zum Morgengrauen erwache ich. Die Vögel sind fort, mein Sohn auch. Auf ihren Schwingen haben sie ihn mitgenommen. Meine Trauer ist mir geblieben, doch meine Stärke habe ich zurückgewonnen. Langsam stehe ich auf und gehe in einen neuen Tag.


Regenwald

19. Juli 2008

Für einen Moment scheint die Welt aus den Fugen zu geraten. Der Boden schwankt, bewegt sich unter meinen Füßen, die keinen festen Halt mehr finden wollen. Der ehemals trockene Grund wird zu einer feuchten, glitschigen Falle. Alles ist in Bewegung. Die Blätter, die Äste, die ganzen Bäume, schwanken, bäumen sich auf unter der Regenlast, die vom Himmel fällt. Riesige Tropfen schlagen auf die Blätter, rinnen in dicken Strahlen auf den Boden, um sich dort in riesigen Pfützen zu vereinen. Unterschlupf finde ich hier keinen. Der Natur ausgesetzt hocke ich mich auf den Boden, lasse den Regen über mein Gesicht gleiten, wie eine riesige Hand, die mich sanft streichelt.

Die Wolken sind über den Wald hinweggezogen. Der Schauer lässt nicht nach, er hört einfach auf. Das Wasser von den Blättern tropft erst stark, dann langsam auf den Boden. In den durch die Baumkronen fallenden Sonnenstrahlen, zieht leichter Nebel dahin. Ein Geruch von Sauberkeit, pure Reinheit, steigt auf. Durch das Unterholz sehe ich ein Reh, das mich scheu betrachtet. Nichts ist hier aus den Fugen, dies hier ist das Universum, in seiner kleinsten Form.